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10. Jan. 2026
Autor(in): Master School Drehbuch

FREDERIK KÖNIG

Frederik König studierte zunächst Wirtschaft und machte 2010 seinen Abschluss in Kunst- und Kulturwissenschaft. Schon in seiner Magisterarbeit beschäftigte er sich mit der Frage, wie die Digitalisierung filmisches Erzählen verändert. Im Anschluss war er als Dramaturg und Headautor für SIBEL UND MAX tätig und schrieb als Drehbuchautor für DIE WILDEN KERLE (die animierte Serie), BETTY’S DIAGNOSE sowie SOKO HAMBURG. In den letzten drei Jahren vertiefte er seine Kenntnisse im interaktiven Erzählen und arbeitete an Games, 3D-Animationen sowie transmedialen Projekten.

Erzähl uns, wie Du von der BWL zu Kunst, Kultur und dem Erzählen von Geschichten gekommen bist.

Mein kurzer Ausflug in die BWL war dem Umstand geschuldet, dass ich spontan ausgemustert wurde und alle zulassungspflichtigen Studiengänge bereits geschlossen waren. Also begann ich mit Wirtschaftswissenschaften in Bremen und wechselte relativ schnell zu den Kunst- und Kulturwissenschaften. Zum Glück studierte ich noch nach der alten Magisterordnung, was mir die Freiheit gab, meine eigenen Schwerpunkte zu setzen. Nach dem ersten filmwissenschaftlichen Seminar war dann sofort klar, wohin die Reise geht. Mit jedem Satz, den ich über die Filme anderer las oder schrieb, wuchs in mir der Wunsch, selbst Filme zu machen und Geschichten mit Bildern zu erzählen. In der Nouvelle Vague fand ich Verwandte im Geiste: von der Theorie zur Praxis. Und so landete ich nach einer Reihe von Praktika und Nebenjobs im Filmbereich bei der ndF, wo ich nach dem Studium im Casting anfing. Parallel zum Job brachte ich mir nach Feierabend das Schreiben selbst bei. Meine Bücher wurden innerhalb der Firma herumgereicht – und schon bald hatte ich meinen ersten Auftrag als Autor für die zweite Staffel der Animationsserie DIE WILDEN KERLE.

Aktuell bist Du viel im Transmedialen und im Gamesbereich unterwegs. Wie hat sich die Dramaturgie durch das Aufkommen digitaler Formate verändert?

Gleich vorweg: So stark hat es sich aus meiner Perspektive noch gar nicht verändert. Ich habe das Gefühl, dass im Film noch immer sowohl inhaltlich als auch strukturell stark nach den Regeln des analogen Zeitalters gearbeitet wird. In meiner Magisterarbeit habe ich vor 15 Jahren darüber geschrieben, was man mit digitalen Mitteln ästhetisch und erzählerisch alles anstellen könnte. Doch noch immer wird das meiste so gedreht, als hätten Menschen analoge Kameras auf der Schulter – und auch so geschrieben. Kaum jemand schöpft das dramaturgische Potenzial digitaler Mittel aus oder entwickelt spezifisch digitale Erzählweisen. Dabei sind die Tools – von digitalen Kameras bis zu Anwendungen wie Blender, Unity oder Unreal – für nahezu jeden erschwinglich und verfügbar. Am meisten scheint tatsächlich auf der Ebene der Blockbuster und High-End-Serien zu passieren, auch um digitale Spiele und Filme anzunähern und transmediale Synergien zu schaffen. Siehe LAST OF US oder AVATAR. Sowohl Plot als auch Erzählweise sind so komponiert, dass sie sich unmittelbar ins andere Medium übertragen lassen. Und Game-Größen wie Hideo Kojima machen seit Jahrzehnten Spiele, bei denen die Grenzen zwischen den Medien immer stärker verschwimmen.

Was ist das Schönste und was das Schwierigste beim Entwickeln eigener Projekte?

Das Schwierigste vorweg: Schreiben ist und bleibt Arbeit. Eine Arbeit, die ich sehr gerne tue und die mir liegt, die mich aber genauso ermüdet und anstrengt. Um dem entgegenzuwirken, versuche ich, Schreiben und Filmemachen wieder stärker als Spiel zu begreifen und der Leichtigkeit Raum zu geben. Wahrscheinlich bin ich deshalb auch im Gamesbereich gelandet. Mein Lieblingsspiel aus dem Improvisationstheater sind Kettengeschichten, bei denen man abwechselnd einen Satz sagt und gemeinsam eine Geschichte erzählt. Dieses Prinzip lässt sich auch anwenden, wenn man alleine am Blatt sitzt. Es gibt dabei nur drei Regeln: keine Konflikte (zumindest am Anfang), nicht originell sein und Angebote annehmen. Dadurch wird man gezwungen, aus den Szenen und den Figuren selbst zu schöpfen, statt etwas von außen hinzuzuerfinden. Wenn man das verinnerlicht, beginnen Geschichten und Figuren ein Eigenleben zu entwickeln. Dann passieren Dinge, mit denen man nie gerechnet hätte. Diesen Zustand beim Schreiben zu erreichen, ist für mich das Schönste.

Seit 2024 bist Du Dozent an der Master School Drehbuch. Was ist Dir bei der Beratung und Begleitung unserer Autor:innen das Wichtigste?

An erster Stelle steht für mich immer der Respekt vor Autor*in und Stoff. Wenn ich eine Gruppe in der Ausbildung begleite, achte ich außerdem auf die solide Vermittlung der Grundlagen. Am Anfang wollen wir alle einfach losschreiben und den Film neu erfinden – kaum jemand hat Lust auf trockene Theorie oder dramaturgische Systeme. Leider verliert man durch diese Haltungen viel Zeit – das weiß ich aus eigener Erfahrung. Denn allzu oft brechen die daraus resultierenden Stoffideen auf halber Strecke zusammen. Und das möchte ich den Autor*innen ersparen, wenn möglich. Aber manche Erfahrungen und Fehler müssen wir alle selbst machen. Da muss man als Dozent auch loslassen können. Bei einer dramaturgischen Beratung bin ich eher Geburtshelfer. Am meisten arbeite ich daran, die Persönlichkeit und Wünsche der Autor*innen mit ihren Stoffen in Einklang zu bringen. Da muss die Dramaturgie schon mal gebogen werden bzw. kommt nur zur Anwendung, wenn es Sinn macht oder als Leitplanke dient. Und am Ende sollen die Autor*innen das letzte Wort haben. Ich führe sie nur zur Ecke hinter der eventuelle Probleme oder verstecktes Potenzial lauern. Herumschauen müssen sie selbst. Und dann können wir gemeinsam daran arbeiten – wenn sie möchten. Grundsätzlich versuche ich, die Autor*innen dabei zu unterstützen, ihre eigene Stimme zu finden – dabei aber offen zu bleiben und Kritik ernst zu nehmen. Nicht nur, weil Film ein Teamsport ist. Kritik ist immer eine Chance zu wachsen. Und das passiert im Gespräch. Wie sagte es ein Abgänger der letzten Klasse so schön: Wir sollten wieder weniger übereinander reden und mehr miteinander.

Hast Du einen ultimativen Tipp für Newcomer zum Einstieg in die Branche?

Den gibt es nicht bzw. ist genauso individuell wie die Menschen selbst. Allgemein lässt sich aber folgendes sagen: Tut euch zusammen, trefft euch am Wochenende und dreht, dreht, dreht! Macht Kurzfilme, wechselt die Rollen, probiert euch nicht nur als Autor*innen, sondern als Schauspieler*innen, Regisseur*innen oder Produzent*innen aus. Nutzt die sozialen Medien, um eure Filme zu verbreiten, bewerbt euch bei Festivals und baut ein Netzwerk auf. Gleichzeitig: sucht euch ein zweites, berufliches Standbein, das euch zur Not erstmal eine Weile trägt. Stephen King war lange Zeit Lehrer, unterrichtete tagsüber in der Schule und schrieb nachts an Carrie. Dadurch hatte er den langen Atem, konnte die existentiellen Sorgen zur Seite schieben und das schreiben, was er wirklich schreiben wollte - ohne die Restriktionen des Marktes. Und am allerwichtigsten: Don‘t forget to play. Den Spaß nicht verlieren, sich selbst und die Dinge nicht zu ernst nehmen, und Spielraum schaffen, wenn man sich eingeengt fühlt. Das gilt fürs Erzählen wie auch alles andere.

Was wünschst Du Dir selbst für Deine berufliche Zukunft?

Als Autor, Dramaturg und Dozent will ich aktiv dazu beitragen, dass alle die gleiche Chance kriegen, ihre Geschichte(n) zu erzählen. Für meine und unsere berufliche Zukunft wünsche ich mir eine Polyphonie der Narrative an Stelle des gängigen Monomythos - und wieder mehr Raum für Progressives.

 

CARO KADATZ

Caro Kadatz studierte Tontechnik und arbeitete an zahlreichen Filmsets. Bild und Ton bringt sie als Autorin von Kurzfilmen zusammen, die sie in der eigenen Produktionsfirma Kugelmensch gemeinsam mit Franka Braun realisiert. Ihre Filme JOHANN und DAS DREHBUCH fanden auf zahlreichen internationalen Filmfestivals Beachtung – vom Internationalen Filmfest Emden-Norderney über das Tirana Film Festival bis hin zum Internationalen Filmfestival Moskau. JOHANN wurde vom LMZ Baden-Württemberg „für den Unterricht empfohlen“. Seit ihrer Ausbildung zur Autorin für Film & TV im Jahr 2024 entwickelt sie mehrere Langfilm-Drehbücher, vor allem im Bereich Coming-of-Age.

Wann und wie hast Du als studierte Tontechnikerin Deine Liebe zum Drehbuch entdeckt?

Schon während des Studiums habe ich Kurzgeschichten geschrieben. Tontechnik war für mich von Anfang an ein Zwischenschritt, der mir helfen sollte, das Medium Film besser und ganzheitlicher zu verstehen. Später habe ich nicht nur als Tontechnikerin gearbeitet, sondern war in diversen Funktionen an Filmsets tätig. In dieser Zeit habe ich gelernt, wie viele unterschiedliche Stellschrauben es bei der Erstellung eines Films gibt, angefangen vom geschriebenen Wort auf der ersten Drehbuchseite bis hin zur Musik des Abspanns. Diese Stellschrauben und die Arbeit und Hingabe der einzelnen Beteiligten zu kennen, haben die Bandbreite und Tiefe meines Schreibens für Film unglaublich erweitert.

Was fasziniert Dich am Coming-of-Age-Genre?

Konflikt und Veränderung – das sind die beiden Grundpfeiler einer starken Geschichte. Die Lebensphase der Jugend trägt naturgemäß beides in sich, oft in extremer und aufgeladener Form, voller Energie und Kraft. Es ist ein Umbruch, der ein Spannungsfeld zwischen dem Kind und dem im Entstehen begriffenen Erwachsenen heraufbeschwört. Dieser Konflikt besteht also einerseits in der Figur selbst, andererseits auch mit ihrem Umfeld, das den Konflikt für sich entscheiden will, wie es mit dem Kind noch möglich war. So viele Auseinandersetzungen, so viel Streit, Hürden und Druck. Eine aufregende und prägende Lebensphase, die für mich eine unerschöpfliche Quelle an Stoffen bietet.

Du arbeitest bei Kugelmensch mit der Regisseurin Franka Braun. Was lässt die Zusammenarbeit gelingen?

Franka ist selbst Autorenfilmerin, d. h. sie hat ein dramaturgisches Gespür und setzt den Bogen der Geschichte bei ihren Entscheidungen immer an erste Stelle. Wenn wir an der finalen Regieversion arbeiten, ist es für mich immer so, als würde ich mit einer talentierten Drehbuchkollegin arbeiten. Wir loten die Änderungen, die gemacht werden müssen, dramaturgisch aus und finden so einen Weg, der die Geschichte stützt, aber dennoch umsetzbar ist. Der zweite Pfeiler unserer Zusammenarbeit ist Vertrauen. Als Drehbuchautorin weiß ich, dass ich das Drehbuch irgendwann loslassen muss, damit die Regie und die anderen Gewerke ihren Job machen können. Das ist ein Prozess, durch den alle Drehbuchautor*innen gehen müssen. Vertrauen hilft nicht nur beim Loslassen, sondern ermöglicht erst, dass ein Film entstehen kann. Und gerade das fasziniert mich an diesem Medium. Der finale Film ist so viel mehr als meine Geschichte. Er ist ein Gemeinschaftswerk und erreicht gerade dadurch seine Komplexität.

Was ist das Schönste und was das Schwierigste beim Drehbuchschreiben?

Das Schönste ist die weiße Seite. Es bedeutet, alle Möglichkeiten zu haben, ein Gefühl, eine Perspektive oder ein Szenario zu erschaffen, das dem Publikum etwas jenseits seiner eigenen Realität oder seines Alltags näherbringt. Wie schärfe ich die Figuren dafür? Wie überrasche ich das Publikum? Wie komme ich zu einem Schluss, der Antworten liefert, aber dennoch das eine oder andere dem Publikum überlässt? Mir stehen an diesem Punkt alle Optionen offen, und ich gehe immer mit viel Vorfreude in diesen Prozess. Das Schwierigste oder Anstrengendste ist für mich, im Rewrite Aspekte, Details oder Nuancen zu verändern, ohne die Grundaussage zu verwässern. Dieser Arbeitsschritt ist ein Balanceakt, an den man offen und begeistert herangehen muss, ohne aber das große Ganze aus dem Blick zu verlieren.

Wie hast Du die Ausbildung an der Master School Drehbuch erlebt? Welches Ereignis hat Dich besonders geprägt?

Die Ausbildung an der Master School Drehbuch war eine sehr intensive Zeit für mich, in der ich mich komplett auf das Schreiben konzentrieren konnte. Hier habe ich mir eine Arbeitsweise aneignen können, die effektiver ist und besser zu den Erwartungen der Branche passt. Dabei haben vor allem die Erfahrungen der Dozierenden und ihre unterschiedlichen Hintergründe und Wirkungsbereiche beigetragen. Aber auch der rege Meinungsaustausch, die Diskussionen und das Feedback innerhalb unseres Kurses haben mir geholfen, mein dramaturgisches Gespür auszubauen und meinen Stoff mit anderen Augen zu sehen. Gerade die Gruppenphase war eine gute Vorbereitung für die Arbeit in Writers‘ Rooms, auf die ich dadurch richtig Lust bekommen habe.

Wie sähe Dein Traumprojekt aus?

Ich habe eine Schwäche für Underdogs (lacht). Underdogs haben eine besondere Perspektive auf die Welt. Dadurch geben sie ungesehene Einblicke, hinterfragen den Status quo oder fächern Klischees wie ein Prisma auf. So etwa bei einem meiner aktuellen Langfilmprojekte: GRENZGÄNGER beschäftigt sich mit Rechtsextremismus in meiner ostdeutschen Heimat. Erzählt wird die Geschichte jedoch aus der Sicht eines ungleichen Freundespaares. Ein Underdog-Thema also, in Kombination mit gesellschaftlicher Relevanz.

Was wünschst Du Dir für Deine berufliche Zukunft?

Fruchtbare Konflikte. Sei es in den Stoffen und Figuren oder in der Arbeit selbst – als Autorin, Co-Autorin, in einem Writers‘ Room oder in der Zusammenarbeit mit Produzent*innen, Redakteur*innen und anderen Kreativen. Ich freue mich darauf, mich genauso wie die Stoffe, an denen ich arbeite, weiterzuentwickeln und mich erfolgreich in der Branche zu etablieren.

 



Quelle: http://www.masterschool.de/unternehmen/interviews/2026-01-10/dozentinnen-und-absolventinnen-stellen-sich-vor
 
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